Eröffnungsrede "Insert Coin" von F.E. Rakuschan
Guten Abend werte Damen und Herren! Nach Sigmund Freud besteht der psychologische Wert des Witzes in dem Vergnügen, das er bereitet. Punktum. Und wie im Falle jeder Lust, führt auch der Witz Erwachsene zurück in ihre Kindheit. In jenen Abschnitt der Soziogenese also, wo Spiel als Subversion noch weitgehend toleriert wird. Aber egal ob auf Seite eines Akteurs oder des Publikums, der Witz beruht immer auf Aggressivität, die dabei zur Entladung kommt, nicht ohne dass auch die Kommunikation der Form gelingt. Die Insert-Coin-Installation stellt in diesem Zusammenhang ein künstlerisches Äquivalent dar: Gründe für Aggressivität gibt es ja genug. Die Figur des Arbeitnehmers, wie sie historisch erst nach 1945 in den europäischen Wohlfahrtsstaaten entstanden ist, ist heute unübersehbar ein Auslaufmodell. Die Lebens- und Arbeitssituation von Künstler/innen, die in zahllosen Biografien zudem noch heroisiert wurde, erscheint heute als Negativ-Avantgarde einer Entwicklung, die sich auf immer mehr ganz normale Arbeitnehmer ausweitet. Der Künstlerschaft wird aktuell ein Platz in der neoliberalen Konstruktion creative industries zugewiesen. Eine verbindliche Definition gibt es für dieses Etikett nicht und ohne Differenzierung werden darunter all jene Personengruppen subsumiert, die sich auf den Kunst-, Kreativ-, New Economy-, Medien- und Wissenschaftsarbeitsmärkten unter teils sehr unterschiedlichen Bedingungen bewegen. Ihr einzig gemeinsames Kennzeichen ist, dass ihr Arbeitsverhältnis nicht klassisch strukturiert ist und sie somit automatisch ohne arbeitnehmerrechtlichen Schutz aus allen Solidargemeinschaften herausfallen. Übrigens auch aus allen Arbeitslosenzahlen, einerseits. Andererseits tragen sie als Zwangskonvertierte zum rapiden Anstieg von Selbständigen bei, die in den letzten Jahren als Schein- bzw. unselbständige Selbständige bzw. abhängige Selbständige die Arbeitsmarktstatistiken in Bewegung bringen. Im Hinblick auf den Kunst- und Wissenschaftsbereich spricht man von "prekarisierten Intellektuellen". Die soziale Lage der meisten Künstler/innen im 20. Jahrhundert war zumeist sehr trist. Was ihre Arbeit anlangt, stand es ihnen allerdings frei, sich ohne Einschränkungen an den kunstdiskursiven Vorgaben zu orientieren, was einzig in totalitären Staaten behindert wurde. Der Neoliberalismus macht auch mit dieser Freiheit Schluss. Von den Betroffenen in der Mehrzahl unbemerkt, hat sich seit Jahren die so genannte Kulturwirtschaft der Künstlerschaft angenommen. Das Konzept Individualkünstler, so der Plan, soll durch den kulturwirtschaftlich orientierten Neu-Unternehmer ersetzt werden. Standen einstmals die Logiken der Disziplin Kunst im Vordergrund, soll jetzt die künstlerische Arbeit vorrangig durch Marktlogiken formiert werden. Was Viviane Forrester in ihrem Buch Die Diktatur des Profits beschreibt, unter dieser Diktatur der Wirtschaft gerät zunehmend auch die Kunstproduktion. Es ist grundsätzlich begrüßenswert, dass Menschen mit einer künstlerischen Ausbildung und den ihnen zugeschriebenen Potentialen - wie Originalität, Nonkonformismus, Flexibilität, Lust am Experiment und Risikofreude - erfolgversprechende Nischen im Dienstleistungsbereich offen stehen. Keineswegs soll es aber eine gesellschaftliche Instanz geben, die Künstler/innen in diese Nischen zwingt. Auch nicht eine Finanzbehörde mit einem Schreiben folgenden Wortlauts: "In den Steuererklärungen für die Jahre 1994 - 1998 wurden laufend Verluste aus Ihrer Tätigkeit als Künstlerin geltend gemacht. Das Finanzamt hat zu überprüfen, ob diese Verluste weiterhin steuerlich anerkannt werden können, oder ob eine steuerlich unbeachtliche Tätigkeit aus dem Bereich der Lebensführung (sog. Liebhaberei) vorliegt." (zit. nach Knobloch, 2003.) Angesichts des Faktischen stellt sich die Frage, auf welche Art von Legitimität stützen sich neoliberale Kultur- und Wirtschaftspolitiker, die ernstlich die Meinung vertreten, Kunst als solche würde sich erst im Augenblick ihres Verkaufs realisieren? Diesem Reduktionismus steht der Sachverhalt entgegen, dass die Kunst-Kultur mit den spezifischen Verfahrensweisen ihrer Disziplinen kulturelle Datenverarbeitung leistet, Kunst gesellschaftlich multifaktoriell produziert wird und sich einzig in Formen von Öffentlichkeit realisiert. So gesehen, sollten die Statements von Personengruppen aus Wirtschaft und Politik, die sich in Sachen Kunst als inkompetent erweisen, seitens der Handlungsträger der Kunst-Kultur mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden. Eine Künstlerschaft und betreffende Institutionen, die in ihrer Arbeit einzig ökonomistischen Kriterien folgt, würde die Aufhebung der Diskursautonomie ihrer eigenen Disziplin betreiben. Wie im 20. Jahrhundert bedarf es auch heute einer Künstlerschaft, die sich politisch- und künstlerisch-diskursiv einer bloßen Verwertung als kulturwirtschaftlich orientierte Neu-Unternehmer widersetzt. Dabei kann es nicht um die Reanimation linker Kulturmythen im Kunstkontext gehen. Was ansteht ist eine instrumentalistische Sichtweise zur Schaffung eines Lebens- und Arbeitsrahmens, der prospektiv in die Zukunft weist. "Ich bin ein Revolutionär", sagte Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez vor 120 000 Zuhörern beim Weltsozialforum 2005 in Porto Alegre. "Ich bin ein Revolutionär", sagte er "und jeden Tag bin ich mehr Revolutionär, denn jeden Tag kann ich mich mehr davon überzeugen, dass dies der einzige Weg ist, auf dem wir die kapitalistische Hegemonie brechen können." In diesem Sinne: die Ausstellung ist eröffnet. F.E.Rakuschan |
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